Eine jede Stadt hat ihre eigene Geschichte.
Meist sind es Geschichten von einzelnen Personen, von Bauwerken und Ruinen oder auch von besonderen Begebenheiten die das besondere einer jeden Stadt ausmacht.
Und so eine Geschichte hat auch die Stadt Braunschweig.
Nun dieses ist ganz einfach zu erzählen. Braunschweig ist eine aussergewöhnliche Stadt. Eine Stadt von Nazis nichts zu sagen haben, dass sagt ja schon der Name dieser Stadt „Braun schweig!“ und doch von einen Nazis als Bürgermeister regiert wird. So erzählt man sich das in dieser Stadt.
Also ist jetzt jeden damit klar dass sich in Braunschweig merkwürdige Dinge ereignen. Wie auch dieses Walzertanzen, zum Jahreswechsel in der ersten Stunde eines neuen Jahres…
…dieses ist eine Geschichte über eine Strassekreuzung, auf der sich einmal in Jahr zur Silvesternacht, Fremde Menschen in den Armen nahmen und Walzer tanzten.
Einfach nur so für eine Stunde.
Neujahrszauber
Wenn man die lange Strasse von der Innenstadt zum Theater hinter sich lässt und am Theater vorbei die noch längere Allee folgt, komm an zu einer grossen Kreuzung. Diese Kreuzung überquert man und geht die Allee immer weiter entlang, bis man an einer grossen alten Kirche vorbei kommt, auch diese Kirche lässt man hinter sich und geht die Allee bis zu ihren Ende entlang. Dort angekommen biegt man links ab und folgt der Strasse die Schnurrgrade verläuft.
Auf dieser Strasse gibt es einige Kreuzungen, wo sich andere Strassen vergleichbar langwierig in die Länge ziehen. Wen man diese zum ersten Mal entlang geht, denkt man dass man auf einer langen Pilgerreise sei. Alle Strassenkreuzungen und Strassenverläufe in dieser Gegend sehen gleich aus, zum verwechseln ähnlich und langweilig. Die zweite Kreuzung an der sich eine grosse Gaststätte befindet, ist die eine Kreuzung die sich am Silvesterabend von allen anderen langweiligen Kreuzungen in Braunschweig unterschied. Weil zur Neujahrsstunde, kamen die Menschen aus der Nahen- und Fernen Umgebung zum Walzertanzen auf dieser einen Kreuzung zusammen.
Und alles fing, irgendwann vor einiger Zeit, so erzählt man es sich, so an, wie ich es berichte. Und die Menschen aus Braunschweig erzählen sich dieses.
Es gab eine Strasse an dieser Kreuzung mit einem Wohnhaus, gegen über eines alten Einkaufsladen in den man Sparen kann, laut ihres Namens, dieser aber lange schon nicht mehr da ist.
Und in diesem Hause gegenüber von alten Einkaufsladen, lebte einmal ein altes Ehepaar. Dieses Ehepaar unterschied sich vielleicht nicht von anderen Menschen, sie lebten ihr Leben wohl wie jedes andere Ehepaar auch. Und am Silvesterabend spielten sie ihre Walzermusik und tanzten dazu in ihrer kleinen Wohnung.
Irgendwann wurde ihre Wohnung zu eng und sie stellten die Boxen ihrer Musikanlage auf ihren Balkon von der Altbauwohnung, stellten die Musik auf sehr laut und tanzten ihr Walzer tanz auf der Strasse. Einmal nur ein Walzerlied, für paar Minuten, für die ersten Minuten im neuen Jahr.
Und sie tanzten und sie freuten sich. Und sie tanzten und sie lachten. Und des schien die Welt für sie für ein paar Minuten still zu stehen. Und die Leute die vorbei kamen und die Leute aus der Nachbarschaft, blieben stehen und sahen zu. Es war kalt und sie frohren während sie zusahen und sich mit dem älteren Ehepaar freuten. Sie bekamen kalte Finger und kalte Füsse und ihre Wangen liefen durch der Kälte rot an. Da alte Ehepaar aber tanzte mitten auf der Strasse ihren Walzer tanz. Und als die Musik zu ende gespielt hatte, nahmen sie sich in die Arme und wünschten sich und allen anderen Leute, ein frohes neue Jahr. Dann gingen sie, sich an ihren Händen halten wieder in die warme Wohnung. Die Mensche gingen mit einen merkwürdigen Gefühl der wärme in sich, trotz der eiseigen Kälte, weiter ihre Wege. Ein so jeder für sich oder in der Gruppe in der sie unterwegs waren.
Und im kommenden Jahr stellten das ältere Ehepaar wieder die Boxen auf ihren Balkon und gingen nach draussen zum Walzer tanzen. Doch in diesem Jahr kamen die Nachbarn aus ihren Häusern und tanzten mit dem älteren Ehepaar. Und sie tanzten in Mitten auf der Strasse ihren Walzer tanz. Und die Leute aus der Nachbarschaft tanzten mit dem älteren Ehepaar. Und für ein paar Minuten schienen alle sorgen vergessen, zur Neujahrsstunde in der Neujahrsnacht.
Und die Leute die vorbei kamen, auf ihren Weg irgendwo hin. Sie blieben stehen und sahen den Menschen beim tanzen zu. Nur ganz wenige, die nichts auf der Welt kümmert oder die sich für unwiderstehlich „cool“ halten, gaben negative Kommentare von sich.
Und es war kalt und es war ein eisiger Wind. Aber die Menschen die tanzten, tanzten mit Mütze und Handschuhen, dicken Jacken und grossen Schals um ihre Hälse. Aber sie tanzten und freuten sich. Und es waren lächeln auf ihren Gesichtern zusehen, trotz der Kälte, weil es war Winter. Und zu dieser zeit lag in Braunschweig meist noch Schnee.
Als die Walzermusik zu Ende gespielt hatte, wünschten das alte Ehepaar noch allen ein frohes neues Jahr und sie gingen sich an den Händen halten wieder in ihre warme Wohnung.
Ein Jahr später versammelte sich fast die ganze Strasse zum Walzertanzen vor dem Haus in dem das Ehepaar lebt. Sie kamen in den ersten Minuten der ersten Stunde in diesem neuen Jahr. Und als die Musik erklang fingen sie an zu tanzen. Und die Menschen die vorbei kamen blieben nicht einfach stehen sondern tanzten dieses Mal mit. Es waren die gleichen Leute die das Jahr davor nur standen und zusahen.
Und die Strasse war voll mit Leuten die zur Walzermusik tanzten und sich freuten. Und durch die Menge trafen sich Leute zufällig auf dieser Strasse. Die fielen sich in die Arme und wünschten sich ein frohes neues Jahr. Und auch fremde Menschen die sich nicht kannten, nahmen sich in die Arme und wünschten sich ein frohes neue Jahr.
Und in diesem Jahr waren es mehr Menschen als zuvor. Irgendwann war auch diese Walzermusik vorbei. Das alte Ehepaar ging wieder in ihre warme Wohnung. Die Leute draussen auf der Strasse gingen dieses Mal aber nicht ihrer Wege, sondern blieben dort auf der Strasse stehen und stossten noch mit Sekt an und unterhielten sich. Und sie lachten und sie waren fröhlich, obwohl es kalt war und der eisige Wind ihnen alle über ihre Gesichter blies.
Das ältere Ehepaar sah die Leute die vor dem Haus standen und nicht weiter gehen wollten. Und sie starteten noch einmal die Walzermusik, nur noch ein Walzer als Zugabe. Und als diese Zugabe begann, fingen die Menschen wieder an zu tanzen. Sie suchten sich einfach einen Menschen aus, forderten ihn auf, nahm ihn in die Arme und dann fingen sie an zu tanzen.
Und dieses Ereignis geschah so jedes Jahr.
Irgendwann blieb das alte Ehepaar in der Wohnung, sie kamen nicht mehr nach draussen. Aber sie stellten jedem Silvester ihre Boxen der Musikanlage auf dem Balkon. Und wenige Minuten nach Mitternacht, in der Silvesternacht, spielten sie für eine Stunde die Walzermusik.
Und jedes Jahr kamen mehr Menschen zu dieser Kreuzung hin zum Walzertanz. Sie standen da, freuten sich, tranken Glühwein aus Thermoskannen oder Sekt aus Pappbechern. Sie nahmen sich Partner, Fremde oder tanzen mit ihren Liebsten den Walzertanz zu der Walzermusik. Und das Ehepaar stand auf ihren Balkon und sie freuten sich, und die Menge stand draussen auf der Strasse und sie freute sich. Und es war ein grosses Treiben auf dieser Strasse. Und es wurden so viele Menschen das die ganze nahe liegende Kreuzung blockiert wurde.
Jedes Jahr wurden es mehr. Sie kamen bei Schnee, eisiger Kälte, bei Glatteis und bei leichten Nieseselregen. Sie kamen zusammen oder trafen sich dort zum Walzertanz bei Walzermusik.
Und in den Jahren die da kamen hörte man davon, man sprach über das Silvestertanzen. Sie erzählten dass sie sich beim Walzertanzen getroffen haben und was für schöne Stunden sie dort erlebten. Eine Stunde, die erste Stunde im Neuenjahr.
Und dann, irgendwann war die Kreuzung in allen vier Richtungen blockiert, überall standen sie Leute und tanzten zu der Walzermusik. Und von Jahr zu Jahr wurden es mehr. Mit den Menschen die da kamen, kamen auch die Affenmenschen aus ihren Höhlen heraus. Sie schnupperten die Luft die Rein war und voller Freude. Sie kamen im ganzen Rudel und zogen eine Spur von billigem stinkendem Parfüm hinter sich her. Sie stellten sich an der Kreuzung und fingen an die Menschen die dort fröhlich tanzten zu beleidigen und zu belästigen. Sie pöbelten die Menschen an, von denen sie freundlich angesprochen wurden. Sie fingen mit Beleidigungen an, weil sie während sie da wie Affen standen und stanken nach billigem Parfüm, von den Walzer tanzenden Menschen aus versehen angerempelt wurden. Und sie riefen. „Hey alter Du hast mich abgerempelt alter. Du hast meine Ehre verletzt alter. Pas auf alter wenn ich meine Kollegen und ich Dich umhauen. Wir stechen Dich ab alter“. Und so weiter, und so weiter. Und doch wunderte sich das Rudel von Affenmenschen das sie nicht in kleinster Weise beachtet wurden. Schon allein dieser blöde Gesichtsausdruck von diesen Menschenaffen war das kommen zum Walzertanzen wert, es war wie eine kleine Zugabe oder eine Art Bonus was zum lachen.
So ging das treiben um diese Neujahrstunde seinen Weg weiter. Jedes Jahr versammelten sich die Menschen. Dann irgendwann, in einem Jahr blieb es Stumm. Und aus den Boxen kam keine Musik mehr und keiner tanzte mehr. Und die Menschen standen dort und warteten, aber es geschah nichts. Keine Boxen auf dem Balkon und keine Musik und auf den Strassen tanzte niemand. Die Wohnung in der sonst die Musikanlage stand, blieb Dunkel und es stand auch niemand auf dem Balkon.
Dann einige Minuten später als die ersten schon wieder gehen wollten. Dröhnte laute Walzermusik aus den riesigen Boxen die an der Gaststätte standen, nahe der Kreuzung. Und es wurde lauter und länger als die ganzen Jahre zuvor. Und das alte Ehepaar stand neben den Gaststättenbetreiber als Ehrengäste und sie freuten sich und sie klatschten in die Hände vor Freude als die Walzermusik zu spielen begann.
Und man erzählte sich wie das kam, dass die Musik nicht mehr von Balkon gespielt wurde. Und man erzählte sich dieses.
Nachbar und Anwohner haben sich über den Lärm die Belästigung und den Menschenauflauf, der jedes Jahr grösser wurde, beschwert. Die Menschen pinkelten in den Büschen an den Häusereingängen, sie pöbelten die Anwohner an. Und es wurde unerträgliche Lautstärke, noch in den frühen Morgenstunden nach der Neujahrsnacht. Der Menschenauflauf versperrte die vier umliegenden Strassen, so dass der Verkehr nicht mehr vorankam. Und noch weitere Ausreden, so das dass ältere Ehepaar ein Verbot bekommen hat, die Walzermusik draussen auf der Strasse zuspielen. Die Gaststätte an der Kreuzung hörte davon und beschloss dass sie das übernehmen würden. Wegen Silvester, keine Sperrstunde, herrschen dort andere Regeln als in normalen Leben. Und sie feierten also Lauter und schöner, und es wurde grösser und bunter.
Dann in einem Jahr stand das alte Ehepaar nicht mehr bei den Boxen, und klatschten nicht mehr in die Hände beim beginn der Walzermusik. Das Ehepaar blieb fern, es war nicht mehr da. Nur die Walzermusik erklang wie jedes Jahr Silvester, zur ersten Stunde am Neujahrsmorgen. Und die Lieder klangen jedes Jahr fast in der gleichen Reihenfolge wie zum Beginn vor so langer Zeit. Und obwohl man das Ehepaar nicht gekannt hatte, es eigentlich nie so richtig gesehen hatte, fehlte es beim tanzen. Das Feuer der Musik kam nicht mehr so richtig rüber. Das Feuer war erloschen.
Schliesslich an einem Neujahrsmorgen blieb die Musik stumm. Die Menschen standen da und warteten. Sie warteten auf die Musik, aber diese erklang nicht. Irgendwann kam jemand und sagte dass sie Stadt das Walzertanzen hier auf der Kreuzung untersagt hatte. Es würde jetzt im Park stattfinden, nicht weit von der Kreuzung entfernt. Dort wo es die Anwohner nicht belästigt werden, und für Sicherheit der Passanten gesorgt sei.
Irgendwer aber sah die bekümmerten und traurigen Gesichter der Leute die da standen, und vergebens auf die Musik warteten. Und als sich die ersten traurigen Menschen auf den Weg machten, in den Park zum Walzertanzen. Hörten sie erneut die Walzermusik aus der Gaststätte kommen. Sie blieben stehen und lauschten der Musik und fingen an zu tanzen. Auf der Kreuzung, auf der Strasse und vor der Gaststätte. Und die Menschen die schon voraus gegangen waren kamen wieder zurück. Und sie nahmen ihre Handys und riefen ihre Freunde an die im Park waren zum Walzer tanz. Und diese dort im Park sagten das es hier zwar einige gibt die mit Krachern und Raketenwerfern rumspielten, aber niemand der Walzer tanzt. Sie sagten auch, das sie in dieser Richtung kommen zum Walzertanzen.
Und nach wenigen Minuten war die ganze Kreuzung und Strasse blockiert, so dass kein Fahrzeug sich einen Weg durch die Menge bahnen konnte. Und die tanzten alle zu der Walzermusik und sie freuten sich. Und Freunde oder Familienangehörige lagen sich in den Armen und feierten das Neujahr. Die erste Stunde im neuen Jahr.
Und es war das letzte Mal das die Walzermusik erklang an dieser Kreuzung, vor dieser Gaststätte.
Im Jahr danach ertönte keine Musik, keine Menschen die auf den Strassen tanzten, keine Neujahrsfreude und keine durchgefrorene aber glückliche Gesichter.
Die Walzermusik war für immer verstummt und das lachen der Freude verstummte mit der Musik.
Die wenige Minuten nur, die ersten in neuem Jahr, die den Menschen soviel Freude bereitet hatten, gab es nicht mehr.
Gewiss, es wird irgendwo, woanders in Braunschweig, einen Ort, eine Strasse oder ein Gebäude geben, wo sich Menschen treffen um die ersten Stunden im neuen Jahr zu erleben.
Aber dieser Zauber den es dort zu erleben gab, der war einmalig und diesen wird es in dieser Art und Weise nie mehr wieder geben. Und wenn ich heute noch die Kreuzung entlang gehe, sehe ich in Gedanken die Menschen beim Walzertanzen. Die Menschen eingehüllt in ihren dicken Jacken, mit den Mützen auf den Köpfen, dicke Handschuhe an und bunte Schals die um den Halsen der Leute wehen. Sie tanzen mit Freunden, mit Fremden, mit Familienmitgliedern oder halt mit den Menschen den sie lieben.
Und manchmal wenn ich dort stehe, sehe ich das alte Ehepaar wie es auf den Balkon zwischen den Boxen steht, sich an den Händen hält und den Menschen die vor ihnen auf der Strasse tanzen leicht zuwinken.
Und sie lächeln, und sie freuen sich, und sie sind glücklich. Eine Stunde nur, in der Silvesternacht, am Neujahrsmorgen kurz nach Mitternacht, beim Neujahrszauber.
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